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Ein Tanzfonds Erbe Projekt

Die Tänzerin von Ausschwitz ist ein Tanzfonds Erbe Projekt.
Premiere am Theater Nordhausen / Loh-Orchester Sondershausen am 07. 04. 2016.

Die jüdische Tänzerin und Tanzlehrerin Roosje (Rosa Regina) Glaserwurde 1914 in Amsterdam geboren. Nach dem Überfall der Hitler-Wehrmacht auf die Niederlande ging sie 1942 in den Untergrund wurde jedoch von ihrem Ehemann verraten und 1943 nach Auschwitz deportiert. Abkommandiert zur Zwangsarbeit in
der Munitionsfabrik "Union", lernte sie einen der SS-Offiziere näher kennen und schlug ihm vor, abends für SS-Leuten zu singen und zu tanzen. Bald unterrichtete sie ihre Peiniger in Gesellschafts-tanz, wurde Funktionshäftling und konnte so überleben.

Am Theater Nordhausen führen Bianca Sue Henne und Jutta Ebnother Tanz, Figurentheater und Schauspiel zu einem Theaterabend zusammen, der unter Verwendung von Originaltexten das Schicksal von Rosa Glaser, die in Auschwitz um ihr Leben tanzte, in eindringlichen und berührenden Bildern inszeniert.

14.02.2016, von Boris Michael Gruhl

Jutta Ebnother und Pascal Touzeau fordern mit Ödipus Kompanie und Publikum in Nordhausen heraus, am Ende mit großem Erfolg für beide.

Eine klassische Tragödie mit Orakel und allem, was dazu gehört. Und eine spannende Kriminalstory.

Zwölf Jahre ist Jutta Ebnother Ballettdirektorin der Kompanie des Theaters in Nordhausen mit zwölf Tänzerinnen und Tänzern. In diesen Jahren hat sie die Tanzsparte zu einer unverzichtbaren und vom Publikum stark beachteten Facette gemacht. Sie ist dabei ganz bewusst mit ihren Choreografien, insbesondere mit ihren Handlungsballetten, auf das Publikum zugegangen und hat kontinuierlich das Spektrum der Tanzstile erweitert und das Publikum geradezu verführt, sich auf immer neue Varianten der Tanzkunst einzulassen. Die immer wieder neu zu erarbeitenden Grundlagen klassischer und neoklassischer Disziplinen bilden das Fundament für eine Kompanie, die wie sich jetzt zeigt, auch den Ansprüchen eines international renommierten Choreografen wie Pascal Touzeau gewachsen ist. Mit dem Ende dieser Saison wird Jutta Ebnother als Ballettdirektorin an das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin wechseln. Für den letzten großen Abend in ihrer Verantwortung hat sie Pascal Touzeau eingeladen und sich darauf einlassen können, ihm den Hauptteil des zweiteiligen Abends zu überlassen. Er wählte für sein anspruchsvolles Tanztheater die antike Tragödie „Ödipus“, Jutta Ebnother eröffnete den Abend mit tänzerischen Variationen über das Phänomen des Orakels, mit dem ja eigentlich jede antike Tragödie beginnt.

Es beginnt mit einem eindrucksvollen Bild. Die Tür des eisernen Vorhanges ist offen. Die Tänzerinnen und Tänzer kommen durch den Zuschauerraum auf die Bühne, mit kleinen Instrumenten, und erzeugen esoterische Klänge. Aha, wir sind nicht in der Antike, wir sind in der Gegenwart und uns kommen orakelnde Angebote, die wir kennen, in den Sinn. Wenn sich dann der Eiserne hebt, gehört die Bühne der so kraftvollen wie ausdrucksstarken Tänzerin Gabriela Finardi als Orakel. Die Gruppe nähert sich ihr in unterschiedlichen Konstellationen, suchend, tastend, in fragenden oder skeptischen Haltungen. Das hat bei sehr gekonnt gesetzten Bildern der Beziehungen und etwa einer Gruppenchoreografie, die an liebliche Reigenszenen der antiken Malerei denken lässt, auch schräge und heitere, sogar sehr ironische Züge. So etwa, wenn sich am Ende ein Goldregen über alle ergießt, das sind Glückskekse mit Empfehlungen und Verheißungen, acht Tänzerinnen und Tänzer, acht Sprachen, wir sind schmunzelnd angekommen in der Gegenwart mit ihren allgegenwärtigen Glücksversprechen. Dass sich wie in jeder guten Komödie unter dem Spaß ein ernster Grund befindet, belegt die Musik in ihrem Wechsel aus heiterer Gelassenheit und bedrohlicher Ernsthaftigkeit. Gespielt von Mitgliedern des Loh-Orchesters Sondershausen erklingt das Klavierquintett g-Moll von Dmitri Schostakowitsch. Gänsehauteffekt und Schmunzeln, das Satyrspiel als Vorspiel, darauf folgt die Tragödie.

Für seine Tanztheaterversion „Ödipus“ hat Pascal Touzeau Musik aus Streichquartetten von Henryk Górecki gewählt, sowie das „Lacrymosa“ für Sopran und Streichquartett von Dmitri Yanov-Yanowsky. Er folgt der Geschichte des Ödipus von der Geburt bis zum Tod. Dem Versuch, dem Spruch des Orakels, dass dieser Ödipus seinen Vater ermorden und seine Mutter heiraten werde, zu entgehen, indem die Eltern den Knaben aussetzen. Es kommt anders, so wie vorausgesagt. Ödipus ermordet den Vater, heiratet die Mutter, er kennt sie ja nicht. Und um die Menschen von den Plagen der Sphinx zu erlösen, will er den Mord aufklären. Eine super Kriminalstory. Der Schuldige ermittelt gegen sich selbst. Wenn er die Schuld erkennt, wird er sich blenden, denn als Sehender war er blind.

Für Touzeau, der auch für den Bühnenraum und die Kostüme verantwortlich zeichnet, geht es um ein Prinzip ‚Ödipus’, denn die Mutter hält anstelle eines Säuglings eine Plastik aus Buchstaben im Arm: „OEDIPUS“. Im Verlauf der so spannenden wie assoziationsreichen Choreografie wird der Fall Ödipus ‚aufgerollt’. Da werden Bahnen des Bühnenbodens Tänzern regelrecht unter den Füßen weggezogen, hochgezogen, und sind dann, je näher der Fall seiner Aufklärung kommt, mit Blut beschmiert. Am Ende, wenn der sehend gewordene, blinde Ödipus in dieser Version die Motive beider Dramen des Sophokles verbindet, zum Schatten wird und stirbt, bleibt dennoch sein Name sichtbar, dieses Prinzip der schuldlos Schuldigen bleibt in der Welt.

Pascal Touzeau, der im Frankfurter Ballett bei Forsythe getanzt hat, weiß, was man Tänzern zumuten kann und muss. Mit András Dobi hat er einen Hauptdarsteller, der solchen Ansprüchen gewachsen ist, der diese widersprüchliche Entwicklung zu gestalten vermag, obwohl ja, wie in der griechischen Tragödie üblich, die Zuschauer viel mehr wissen als er. Die Kunst besteht darin diesen Widerspruch spannend zu gestalten. Das kann der Choreograf mit seiner Führung der Personen, bei holzschnittartiger, expressionistischer Bildkraft und optisch exakt gesetzten Veränderungen auf der leeren, schwarzen Bühne, wobei die Möglichkeiten tänzerischer Darstellung enorm ausgereizt werden. Und da bewährt sich eben das von Jutta Ebnother geleitete Ensemble.

Am Ende, wenn die Sopranistin Tijana Grujic das „Lacrymosa“ von Dmitri Yanov-Yanowsky singt, erschließt sich die Tragödie als Requiem für den sterbenden Ödipus. Mag sein, dass, wer die Vorlagen der antiken Dramatik kennt, noch tiefer eintauchen kann in diese Abfolge getanzter Assoziationen aus verblüffenden Formen körperlicher Bewegungen, die nicht zuletzt durch die Maßgaben der Musik Struktur erhalten, Voraussetzung aber ist dies nicht. Das Publikum reagiert am Premierenabend zunächst abwartend, aber schon bald, im ersten wie im zweiten Teil, in zunehmend gespannter Konzentration. Nicht zu vergessen die Wirkung der Musik, eben nicht vom Tonträger, sondern aufsteigend aus der Tiefe des Orchestergrabens, vor dem Geschehen, vermittelnd zwischen dem Tanz und dem Publikum, dazu die tänzerischen Leistungen, am Ende große Zustimmung.

Nächste Aufführungen: 17. Februar, 4. März, 17. April, 8. und 21. Mai im Theater Nordhausen

JUTTA EBNOTHER WIRD BALLETTCHEFIN IN SCHWERIN

Heute weiß ich...

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